Neue Maßstäbe in Sachen Recycling
Als SAIB 2022 Teil der Egger-Gruppe wurde, lagen die Synergien auf der Hand. Während der italienische Holzwerkstoffhersteller Zugang zum internationalen Egger-Netzwerk erhielt, baute das österreichische Unternehmen seine Marktposition südlich der Alpen aus. Doch hinter der Akquisition steckt wesentlich mehr. Bei einem Besuch des ehemaligen SAIB-Werks (heute: Egger Italia) in Caorso konnte sich die HK selbst ein Bild davon machen und erleben, wie Firmen-Philosophie, Design-Kompetenz, Vertriebs- und Nachhaltigkeitsstrategie Hand in Hand gehen. Der Beitrag erscheint in der HK 3/26. Auszüge daraus können Sie schon jetzt online lesen.

Ein sonniger Frühlingstag in Norditalien. Auf der Autobahn von Mailand nach Bologna rauschen die Lkw über die rechte Fahrspur. Ein paar davon nehmen die Ausfahrt Piacenza Sud, um das Egger-Werk in Caorso anzusteuern. Genau genommen steht der 21. Produktionsstandort des österreichischen Holzwerkstoffriesen gar nicht in Caorso, sondern zwischen der kleinen Gemeinde und der Provinz-Hauptstadt Piacenza – direkt an der berühmten „Autostrada del Sole“. Hier hat das Unternehmen SAIB seine Wurzeln, einer der namhaftesten Holzwerkstoffhersteller auf dem Stiefel und eine echte Größe der italienischen Möbelzulieferindustrie.
SAIB wurde 1962 von Eva Bosi gegründet. Sie wuchs im Sägewerk ihres Vaters auf – auf dem Land, umgeben von Pappeln. Dort reifte ihre Idee: die Pappelreste zu nutzen, um ein neues, kostengünstigeres Produkt herzustellen – die Spanplatte. „In dieser Zeit haben viele Unternehmen mit der Spanplatten-Produktion begonnen“, erläutert Clara Conti, Plant Director Sales/Marketing und Enkelin der Firmengründerin, beim Besuch der HK. In den 80er-Jahren litt Italien unter einem starken Mangel an Frischholz, da der Pappelanbau deutlich zurückgegangen war. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Abriss vieler Holzhäuser gab es jedoch plötzlich ein großes Angebot an Altholz aus Ostdeutschland. „Deshalb hat sich SAIB – wie andere italienische Holzwerkstoffhersteller – entschieden, vollständig auf ,End-of-Life-Holz‘ umzusteigen“, sagt Conti.
„Das ist einer der Gründe, warum die Italiener Vorreiter beim Recyclingholz sind“, erklärt Michael-Bernd Wehmeyer, Divisionsleitung Vertrieb/Marketing bei Egger. Denn anders als etwa in Deutschland, wo es in den 80ern genügend Frischholz gab, war Italiens Holzwerkstoffindustrie schon früh gezwungen, auf Alternativen zu setzen. Dank der Forschungsarbeit und dem im Reinigungsprozess entwickelten Know-how gelang SAIB 1994 der vollständige Umstieg auf 100 Prozent Recyclingholz. Und damit ein entscheidender Schritt zur Kreislaufwirtschaft, deren Ausbau inzwischen rund um den Globus forciert wird. „Früher fragte die deutsche Möbelindustrie, wie viel Frischholz in den Spanplatten drin ist. Heute fragt sie, wie hoch der Recyclingholz-Anteil ist“, so Wehmeyer.
Seit Dezember 2022 ist SAIB nun Teil der Egger-Gruppe. Die Tiroler haben die Mehrheitsanteile an dem Hersteller von Rohspan- und beschichteten Platten übernommen. Damit verfügt Egger erstmals über ein eigenes Werk in Italien. Zuvor wurde der italienische Markt vornehmlich über St. Johann (Österreich) und Rambervillers (Frankreich) beliefert. Ein Jahr nach SAIB hat Egger das ehemalige Rauch-Spanplattenwerk in Markt Bibart gekauft, das derzeit im Rekordtempo modernisiert wird (siehe Reportage in HK 2/25, Seite 52). Seither können die Österreicher noch flexibler auf Kunden-Anforderungen reagieren. Wer eine Mischung aus Frisch- und Recyclingholz möchte, wird in Markt Bibart fündig. Caorso ist dagegen der Spezialist für 100 Prozent Recyclingholz. Jeder Standort hat sein individuelles Rohstoff-Optimum.
Inzwischen werden in Caorso rund 600.000 Tonnen Altholz pro Jahr zurückgewonnen. Das entspricht 160 Lkw-Ladungen pro Tag. „Doch es geht nicht nur ums Holz, wir geben auch anderen Werkstoffen ein zweites Leben“, erläutert Gemma Leone vom Egger-Marketingteam in Italien. So werden 99,98 Prozent der übrigen Materialien, die aus dem Reinigungsprozess stammen, der Wiederverwertung zugeführt. Clara Conti nennt dazu beeindruckende Zahlen: „Wir recyceln jedes Jahr rund 13.000 Tonnen Eisen. Das reicht, um eine Golden-Gate-Bridge pro Jahrzehnt zu bauen.“ Außerdem werden etwa 1.200 Tonnen Aluminium wiederaufbereitet – genug, um 70 Millionen Dosen herzustellen. Auch 30 Tonnen Kunststoff, was 3,5 Millionen Plastikflaschen entspricht, durchlaufen alle zwölf Monate den ökologischen Kreislauf.
2025 erfolgte die Umfirmierung in Egger Italia. Gleichzeitig wurde Caorso in das gruppenweite SAP/ERP-System integriert – und mehr als 300 italienische Mitarbeiter gehören jetzt zur Egger-Familie. „Wichtig war auch die Einführung einer neuen Vertriebs- und Customer-Service-Struktur“, erzählt Wehmeyer. Davor hatten in Italien weder Egger noch SAIB eine feste Außendienst-Vertriebsorganisation. Nicht nur organisatorisch, auch technisch gab es in Caorso ein umfangreiches Update. Eine der ersten Investitionen nach der Übernahme durch Egger war 2023 die Inbetriebnahme einer fünften KT-Anlage. Zudem wurden das Fertigplattenlager und der Lkw-Verladebereich erweitert. 2024 folgten eine Modernisierung der Werks-Stromversorgung und eine Automatisierung des Materialflusses der KT-Anlagen. 2025 wurde ein Thermoöl-Kessel installiert, um das Werk im Normalbetrieb erdgasfrei versorgen zu können. Die jüngsten Neuzugänge sind eine automatische Verpackungslinie für Fertigplatten und die Erweiterung der Trockenspanaufbereitung.
Der vollständige Beitrag erscheint in der HK 3/26
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