Eigene Hausaufgaben machen

Ist die Möbel- und Zulieferindustrie attraktiv genug für junge Menschen? Teil zwei unseres Berichts über den „Expertengipfels Personal“, der in der Lehrfabrik Möbelindustrie in Löhne stattfand, geht auf Fragen wie diese ein. Auch diskutierten die Teilnehmer, wie sich die Ausbildung in den kommenden Jahren verändern wird und welche Rolle Fort- und Weiterbildung in den Unternehmen spielen. Der gesamte Bericht erscheint in der HK 5/26. Auszüge daraus können Sie hier bereits online lesen.

Die Teilnehmer des Expertengipfels Personal (v.l.): Andreas Wagner, Marko Kieschnik, Stine Klün, Lars Bohlmann, Daniel Schrenk und Sebastian Placke. Foto: Lehrfabrik Möbelindustrie

Wie wird sich die Ausbildung in den nächsten Jahren verändern?

Marcel Hinger (Geschäftsführer, Lignum Consulting): Die interne Ausbildung im Handwerk bedient sich immer digitalerer Tools. Die generelle Wochenplanung in der Montage beispielsweise läuft heute schon komplett über Apps.

Lars Bohlmann (Management Hettich Holding): Anpassungsgeschwindigkeit und Flexibilisierung der Menschen sind das A und O, da die Halbwertzeit von Wissen immer kürzer wird. Deshalb ist es entscheidend, künftig persönlichen Kompetenzen Raum zur Entfaltung zu geben, die nicht durch Künstliche Intelligenz rationalisierbar sind.

Andreas Wagner (CEO, Rotpunkt Küchen): Unsere Ausbildung muss auf der einen Seite die Anforderungen eines Industriebetriebs erfüllen. Zum anderen darf das Feeling für den Werkstoff Holz nicht verloren gehen. Rahmenbedingungen wie in der Lehrfabrik Möbelindustrie haben unsere Ausbildenden im Betrieb nicht, weil der Produktionsdruck dagegensteht. Von daher ist Ausbildung nicht mehr nur an unsere Standorte gebunden. Mit diesem Leuchtturm können wir uns aus dem Schatten herausholen. Weil es sexy ist, Möbel zu bauen.

Sebastian Placke (Geschäftsführer, Arbeitsagentur Herford): Vor Jahren sagten Eltern: „Mein Kind soll sich nicht die Hände schmutzig machen im Job!“ Nun folgt ein Umdenken, weil niemand weiß, was Künstliche Intelligenz alles ablösen wird. Die Aufgaben eines Anwalts etwa übernimmt bald die KI. Worauf wir dringen müssen, ist die Änderung der Ausbildungsordnung, um neue Entwicklungen zu integrieren und das Verstaubte rauszubekommen. Die Ausbildung wird so zeitgemäßer – und das kann junge Menschen animieren, in den Bereich Möbel zu gehen und sich dort sicher zu fühlen. Denn bei aller Automatisierung glaube ich nicht, dass KI die Küche irgendwann komplett alleine aufstellt.

Hinger (Lignum Consulting): Für die Änderung der Ausbildungsordnung und damit einhergehenden Entstaubung wäre ich sofort. Wir müssen aber aufpassen, dass wir das Gute nicht verwässern. Unsere dreijährige handwerkliche Ausbildung, das German Engineering, vermittelt ein wertvolles Grundverständnis und ist etwa in Dubai enorm begehrt.

Marko Kieschnik (Learning & Development Manager, Egger): Bei einer Änderung der Ausbildungsordnung sehe ich einige Gefahren. Da bekommen altgediente Berufe neue fancy Bezeichnungen, was dann für große Verwirrung sorgt. Wir suchen gerade für eine Lackieranlage in Marienmünster einen Medientechnologen, bekommen aber nur Bewerbungen von Leuten, die Werbemittel gestalten wollen. Das hat mit dem eigentlichen Beruf überhaupt nichts zu tun, der früher mal Drucker hieß.

Welche Rolle spielen Fort- und Weiterbildung in Ihrem Unternehmen?

Stine Klün (Netzwerkkoordination, Lehrfabrik Möbelindustrie): Ohne den Bedarf nach Weiterbildung gäbe es uns hier nicht. Der Mittelstand, der keine Riesen-Abteilung dafür hat, braucht Partner, um das zu ermöglichen. Wir bieten Teamleiter- oder Telefontraining an, Fachexpertise zu Maschinen oder das Know-how von Elektrofachkräften für festgelegte Tätigkeiten. Es gibt Fortbildungen zum Arbeiten im Alter oder Excel-Kurse für alle Altersklassen – Auffrischungen, damit Basis-Wissen nicht in Vergessenheit gerät.

Placke (Arbeitsagentur): Zum Umgang mit KI gibt es bei uns Coachings. Manche wollen damit nichts zu tun haben und hoffen, das geht wieder vorüber – was nicht passieren wird. Eigentlich müssten die Grundlagen dafür schon in der Schule gelegt werden Ein Thema, das von Politikern auf Landes- und Bundesebene intensiv diskutiert gehört.

Wagner (Rotpunkt Küchen): Der Lehrplan an Schulen gehört definitiv überarbeitet, um die neuen Bedingungen, mit denen wir alle konfrontiert sind, abzubilden.

Hinger (Lignum Consulting): Die gesamte Schullaufbahn müsste schlüssiger werden: von der Grundschule über das Abi bis zum Studium. Entscheidend ist auch, dass Lehrer und Ausbilder mit der Zeit gehen, damit wir die richtigen Inhalte vermittelt bekommen.

Ist die Möbel- und Zulieferindustrie attraktiv genug für junge Menschen?

Kieschnik (Egger): Das kommt auf die Arbeitsbedingungen an. Wir arbeiten im Vier-, Fünf-Schichtsystem, die Möbelindustrie von Montag bis Freitag. Das machen junge Menschen nur mit, wenn sie anständig vergütet werden. Auch ist die Attraktivität standortspezifisch unterschiedlich.

Placke (Arbeitsagentur): Man muss Werbung für die Berufe der Möbel- und Zulieferindustrie machen und die Tatsache kommunizieren, dass man im Handwerk oder der Industrie mehr verdient als etwa ein Rechtsanwalt. So kann man Klischees aufbrechen, die noch in den Köpfen verhaftet sind.

Hinger (Lignum Consulting): Vor allem die Küchenmöbelindustrie in OWL hat viel in hochautomatisierte Technologie investiert. Dies könnten wir marketingtechnisch nutzen, um den Bereich Holz und Möbel generell attraktiver zu machen und zu bewerben. Hierfür würde es bereits genügen, wenn die Betriebe sich selbst filmen würden – etwa bei einem Rundgang durch Ihre Produktion.

Welches Fazit ziehen Sie aus dem „Expertengipfel Personal“?

Daniel Schrenk (Geschäftsführer, Leuco): Wir müssen ins Tun kommen und uns mit größerem Selbstbewusstsein fragen, auf welche Weise wir ein Match zwischen der Persönlichkeit des Bewerbers und dem Unternehmen herstellen können.

Bohlmann (Hettich): Es gilt, individuell und flexibel unternehmerisch zu gestalten – und das sowohl mutig, als auch schnell und auf jeder Ebene. Andernfalls werden wir nicht die Geschwindigkeit erzielen, die gebraucht wird. Denn genau diese Geschwindigkeit ist momentan immens.

Placke (Arbeitsagentur): Bei der Umsetzungsgeschwindigkeit mancher Themen müssen wir aufpassen, dass uns nicht das eine oder andere wegläuft. Gefragt sind hier vor allem die Landes- und Bundespolitik.

Klün (Lehrfabrik): In der Branche gibt es gerade einen Riesen-Wandel. Alle gehen neue Wege und probieren neue Strategien aus. Auch in der Aus- und Fortbildung kommen neue Themen auf – allein durch KI. Als Lehrfabrik Möbelindustrie sind wir auf dem richtigen Weg, indem wir Fachkräfte über fachbezogene Themen generieren.

Kieschnik (Egger): Damit Menschen gern bei uns arbeiten, muss man ihnen Perspektiven aufzeigen, bei denen nicht nur das Finanzielle, sondern die persönliche Entwicklung im Fokus steht. Wichtig ist, alle mitzunehmen – von der Geschäftsführung über die untere Führungsebene bis zu den Mitarbeitern.

Wagner (Rotpunkt Küchen): Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, um schneller zu sein als der Wettbewerb, die Attraktivität unseres Berufsfeldes zu verbessern und für Fachkräfte interessanter zu werden.

Den gesamten Bericht lesen Sie in der HK 5/26

Weitere Premium-Artikel

Aktuelle Ausgaben:

HK 4/26 + Design+Beschlag-Magazin 2026

In der HK 4/26 erwarten Sie zwei starke Specials rund um „Plattenzuschnitt“ und „Software“. Neben dem großen Jubiläumsinterview anlässlich des 150-jährigen Bestehens von Leitz und einem Ausblick auf die IWF in Atlanta geht es diesmal um die zunehmende Präsenz chinesischer Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen auf dem deutschen Markt. Zudem informiert Sie das Supplement „Design+Beschlag-Magazin 2026“ über neueste Entwicklungen der Branche.

Die aktuelle HK-Ausgabe und die Supplements sind exklusiv für unsere Print-Abonnenten und deshalb online nicht verfügbar. Ältere Ausgaben finden Sie in der Rubrik E-Magazine.

HK 5/26

Eigene Hausaufgaben machen

Ist die Möbel- und Zulieferindustrie attraktiv genug für junge Menschen? Teil zwei unseres Berichts über den „Expertengipfels Personal“, der in der Lehrfabrik Möbelindustrie in Löhne stattfand, geht auf Fragen wie diese ein. Auch diskutierten die…

Weiterlesen ›
HK 5/26

Branchen-Image vom Staub befreien

Der Möbel- und Zulieferindustrie fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Umso wichtiger ist die Frage, wie Unternehmen ihren Personalbedarf künftig decken können. Wie muss die Ausbildung von heute aussehen, damit sie morgen noch trägt? Welche Bedeutung haben Fort-…

Weiterlesen ›
HK 5/26

In Krisen zählt der Team-Spirit

Seit Anfang dieses Jahres ist Hanna Hesse geschäftsführende Gesellschafterin beim Lackhersteller Hesse Lignal. Die HK sprach mit ihr über die herausfordernde geopolitische Situation und darüber, wie Unternehmen an derlei Krisen wachsen können. Zudem äußert sich…

Weiterlesen ›