Veränderung als Chance

Die Möbel- und Zulieferindustrie steht vor enormen Herausforderungen. Schwache Nachfrage, hoher Kostendruck und zunehmende Importe aus Asien verlangen neue Antworten. Im Interview spricht Häfele-CEO Gregor Riekena über die Situation in den globalen Märkten, das neue Häfele-Werk in Indien und die strategische Ausrichtung des Beschlag- und Licht-Spezialisten. Außerdem geht es um Beleuchtung als wachsendes Geschäftsfeld und den Ausbau des Logistikzentrums in Nagold. Das Interview erscheint in der HK 5/26. Auszüge daraus können Sie hier schon online lesen.

Häfele-CEO Gregor Riekena sieht vor allem im BereichLicht noch Potenziale für weitere Innovationen. Foto: Häfele/Interview: Markus Schmalz

Herr Riekena, wenn Sie für einen Tag Geschäftsführer eines deutschen Möbelherstellers wären: Welche Themen würden Ihnen aktuell am meisten durch den Kopf gehen?

Für mich würde es vor allem darum gehen, die richtige Balance zu halten. In der Möbelindustrie spielt die Steigerung der Produktivität eine wichtige Rolle, um dem allgegenwärtigen Kostendruck zu begegnen. Darauf würde ich einen klaren Fokus legen. Doch das allein reicht nicht aus. Es braucht auch Impulse zur Wertsteigerung, um das eigene Produkt- und Serviceangebot weiterzuentwickeln und neue Differenzierungsmerkmale zu schaffen. Eine Positionierung allein über den Preis funktioniert nicht – zumindest nicht in Deutschland. 

Was bedeutet das für einen Zulieferer wie Häfele?

Wir sind Teil dieser Dynamik und arbeiten mit ähnlichen Fragestellungen. Die Möbel- und Zulieferindustrie bewegt sich in einem komplexen, hoch dynamischen Umfeld. Beinahe täglich gilt es, sich auf neue Rahmenbedingungen einzustellen. Wir wollen deshalb in unseren weltweiten Regionen schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren können. Dabei hilft es, auch mal die Komfortzone zu verlassen und neue Dinge auszuprobieren. 

Welche zum Beispiel?

Nehmen Sie unsere Partnerschaft mit Schüller Küchen. Gemeinsam haben beide Unternehmen ein neues Lichtsystem entwickelt, das weit über die klassische Beleuchtung hinausgeht. Ein Konzept, das Licht in der Küche völlig neu denkt – ganzheitlich, innovativ und atmosphärisch. Durch die Zusammenarbeit ist ein Angebot entstanden, das die Premium-Küchen von Schüller auf besondere Weise in Szene setzt. Beide Partner sind mit Mut und Weitsicht vorangegangen und haben ein Momentum erzeugt, das ich faszinierend finde. 

Bei allen konjunkturellen Herausforderungen: Was macht Ihnen momentan Hoffnung?

Ich erlebe, dass in Deutschland starke Beharrungskräfte wirken. Mein Gefühl ist, dass der Veränderungsdruck mittlerweile so hoch ist, dass jetzt die Chance entsteht, echte, tiefgreifende Veränderungen anzustoßen. Ich sehe inzwischen bei vielen Unternehmen die Bereitschaft, Entscheidungen zu hinterfragen, Strukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Diese Prozesse waren in den letzten Jahren kaum möglich. So kann die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland wieder erhöht werden. Man sollte als Unternehmen aber nicht darauf warten, bis sich die Rahmenbedingungen verbessern. Wir bei Häfele gestalten Zukunft aktiv und laden alle Beteiligten dazu ein, daran mitzuwirken. 

Wie entwickeln sich die Märkte in Nordamerika, Asien und Europa für Häfele? Wo sehen Sie Chancen?

Der nordamerikanische Markt entwickelt sich positiv, auch wenn man hier Wechselkurs-Effekte berücksichtigen muss. Perspektivisch glauben wir weiterhin an Nordamerika, alleine schon aufgrund der Bevölkerungszahl und des daraus resultierenden Bedarfs an Wohnraum. In Asien gestaltet sich die Situation deutlich schwieriger. Der Immobiliensektor und die Binnennachfrage stehen unter Druck – das bremst die wirtschaftliche Entwicklung. Ein Lichtblick ist dabei Vietnam: Dort zeichnet sich eine Erholung ab, von der Häfele profitiert. Europa sehe ich zweigeteilt: In Osteuropa verzeichnen wir eine erfreuliche Entwicklung, während die Märkte in Westeuropa weniger starke Impulse liefern. 

Wie sieht es in Indien aus, wo Häfele vor kurzem eine eigene Produktion gestartet hat?

Mit der Eröffnung unseres neuen Werks im indischen Maharashtra stärken wir die Resilienz unserer Lieferketten und diversifizieren unsere Fertigungsstrukturen. Häfele investiert in Indien nicht nur in eine eigene Produktion, sondern auch in ein Manufacturing Hub, wo sich Partner ansiedeln und mit uns in den Dialog treten können. Wir glauben fest an den indischen Markt und sind überzeugt davon, dass er sich weiter positiv entwickeln wird. Häfele ist seit über 20 Jahren in Indien vertreten und hat sich dort eine sehr gute Position erarbeitet – mit einer starken Präsenz und vielen Distributionspartnern. Zudem ist die Marken-Bekanntheit von Häfele in Indien bei Endverbrauchern deutlich ausgeprägter als in anderen Ländern. 

Woran liegt das?

Der Markt hat andere Strukturen. In den großen indischen Metropolen verfügen wir über Design Center, die Endverbraucher mit ihren Innenarchitekten besuchen, wenn sie bauen oder sich neu einrichten möchten. Dort können sie unsere Produkte erleben und sich direkt vor Ort für eine Lösung entscheiden. Wir haben in Indien zum Beispiel auch mit einem sehr bekannten Cricket-Spieler als Markenbotschafter gearbeitet. In Europa verfolgen wir bei der Markenkommunikation dagegen ganz andere Ansätze.

Welche Produkte werden im neuen Werk in Indien gefertigt?

In der Anfangsphase haben wir mit der Produktion der „Matrix Box Premium+“-Schubladensysteme begonnen. Unsere Fertigungsstrategie in Indien sieht vor, im Laufe der Zeit schrittweise weitere Produkte und Kategorien hinzuzufügen, die auf die Bedürfnisse des lokalen Marktes und unsere langfristigen Lokalisierungspläne abgestimmt sind. Mit dem ersten Produktionsstandort schaffen wir die Voraussetzungen für eine lokale Fertigung und sammeln gleichzeitig wichtige Erfahrungen. Parallel bauen wir einen größeren Fertigungsstandort auf, der uns künftig zusätzliche Kapazitäten für den indischen Markt und weitere Wachstumsschritte ermöglichen wird. 

Welche Märkte werden aus Ihrer Sicht heute noch unterschätzt, bieten aber mittelfristig Wachstumspotenzial?

Wir sehen drei Regionen, die aus unserer Sicht noch nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihrem mittelfristigen Potenzial entspricht. Die erste umfasst Zentralasien und Osteuropa. Unsere zentralasiatische Homebase ist Kasachstan, aber auch Usbekistan gewinnt für uns zunehmend an Bedeutung. Bulgarien ist insbesondere aus Wertschöpfungssicht relevant, nicht zuletzt durch die Einführung des Euro zu Jahresbeginn. In Albanien sehen wir vor allem mit Blick auf den wachsenden Tourismus und die damit verbundenen Hotelprojekte gute Geschäftsmöglichkeiten. Zur zweiten Region gehören der Mittlere Osten und Afrika. Marokko entwickelt sich zu einem wichtigen industriellen und logistischen Hub zwischen Europa und Afrika. In Westafrika beobachten wir in der Elfenbeinküste eine positive Entwicklung – getragen von einer wachsenden Mittelschicht und Investitionen in die Infrastruktur. Auch Ostafrika rückt stärker in unseren Fokus, insbesondere Kenia, Tansania, Uganda und Ruanda. Die dritte Region ist Lateinamerika. In Peru sehen wir gute Geschäftsmöglichkeiten. Chile wiederum ist ein vergleichsweise offener und designaffiner Markt, der für uns an Bedeutung gewinnt. 

Häfele legte in den letzten Jahren einen stärkeren Fokus auf eigene Entwicklungen. Wie ergänzen sich diese mit dem Handelssortiment?

Häfele ist eine starke Handelsmarke – und das wird auch so bleiben. Für Tischler und Schreiner bieten wir ein vollständiges Sortiment. Bei Eigenentwicklungen werden wir immer dann aktiv, wenn bestimmte Produkte im Handel nicht verfügbar sind oder sich zusätzliche Synergien ergeben. Ein Beispiel ist das Thema Elektrogeräte: Wir haben uns diesen Bereich genau angeschaut und festgestellt, dass sich hier sinnvolle Synergien zu unserem bestehenden Sortiment schaffen lassen. Mit der Integration und Vernetzung von Komponenten aus unserem Lighting-Bereich entstehen zusätzliche Mehrwerte. Hinzu kommt die E-Geräte-Kompetenz unseres Tochterunternehmens Möbelplus. Mit meineKüchengeräte.de haben wir eine Vermarktungsplattform etabliert, die Tischler und Schreiner dabei unterstützt, diesen Bereich zu professionalisieren. 

Gerade im Bereich Licht setzt Häfele stark auf eigene, innovative Produkte. Welche Rolle spielt „Häfele Lighting“ für das Unternehmen?

Häfele hat sich schon sehr früh mit dem Thema Licht beschäftigt. Vom „Licht im Möbel“ ging die Entwicklung organisch weiter zum „Licht im Raum“ – zur bislang einzigen Lichtmarke, die beide Dimensionen konsequent als gemeinsames Ganzes denkt, inklusive einer integrierten Konnektivitätsplattform. Mit den Übernahmen von Nimbus und ThingOS haben wir unser Technologie- und Kompetenzportfolio gezielt erweitert. Gemeinsam mit unseren Lichtplanern und Designern sowie unseren Produkt- und Software-Entwicklern arbeiten wir kontinuierlich daran, unsere Kunden und Partner dabei zu unterstützen, Räume mit echtem Mehrwert zu gestalten. 

Wie viel Potenzial sehen Sie allgemein im Bereich Licht?

Für mich ist die Beleuchtung nach wie vor ein Segment mit großem Entwicklungspotenzial. Licht kann wesentlich dazu beitragen, Räume emotional aufzuwerten und unterschiedliche Atmosphären zu schaffen. Darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance für die Möbelindustrie. Gerade wenn Produkte austauschbar werden, kann eine intelligente Lichtlösung ein wichtiges Differenzierungsmerkmal sein. Das macht das Thema nicht nur für Möbelhersteller interessant, sondern auch für kleinere Verarbeiter.

Den gesamten Beitrag lesen Sie in der HK 5/26

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